(05/09 No.34) Die Alten hier auf Lanzarote sagen, dass der vergangene Winter der regenreichste seit 30 Jahren war. Laut des spanischen Nationalen Statistischen Instituts hat es im vergangenen Dezember so viel geregnet, wie in den Jahren 2005 bis 2007 zusammen und die Zeitung La Voz de Lanzarote weiß, dass es im Januar kaum einen Tag ohne Niederschläge gegeben hat. Wie viel es denn nun tatsächlich insgesamt geregnet hat, weiß man noch nicht, so aktuell sind die Statistiken nicht, aber eins steht fest: Die lanzarotenische Natur explodierte förmlich – es sprießte und blühte wo man nur hinschaute und Natur- und Wanderfreunde kamen voll auf ihre Kosten.
So auch wir an diesem verhangenen, grauen und kalten Tag. Ich hatte mich wieder einmal einer Gruppe des Wanderspezialisten Stephan Isenmann angeschlossen – heute, um die Insel an ihrer schmalsten Stelle zu durchqueren. Wir treffen uns an der Tanktelle in Arrieta. Mit großem Hallo macht sich die Wandergruppe erst einmal miteinander bekannt. Außer Stephan und seiner Hündin Tina sind, mich eingeschlossen, neun Wandervögel dabei. Wir verteilen uns auf so wenige Pkws wie möglich und fahren über Haría und durch das Tal der Tausend Palmen hinauf bis auf den Risco de Famara. In der Nähe der Radarstation lassen wir die Autos stehen.
Es ist so kalt – gefühlte fünf Grad. In Wirklichkeit sind es wohl so um die fünfzehn, aber der Nordost-Passat bläst uns mit guten fünf Windstärken um die Ohren und straft die Geschichten vom ewigen kanarischen Frühling Lügen. Es ist Winter, kanarischer Winter. Während Stephan uns eine kurze Einführung den Ablauf der geplanten Wanderung gibt, ziehen wir erst einmal alles an, was wir dabei haben. So gut gerüstet, frohen Mutes und schon durch die ersten Pfützen stapfend, geht´s los.
Wenige hundert Meter weiter kommen wir an den Mirador de Famara, einen kaum bekannten Aussichtspunkt auf der Steilküste des Famara-Massivs. Von hier gucken wir sozusagen unter den Wolken durch auf die Bucht von Famara – das Dorf Caleta und Teile der Flugsandebene El Jable lassen sich gerade noch erahnen. Die Bucht ist weiß vom aufgewühlten Atlantik – für heute sind bis zu sechs Meter hohe Wellen vorhergesagt. Gut, dass wir in sicherer Entfernung stehen.
Nachdem Stephan die Wandergruppe auf einige Exemplare der heimischen Flora aufmerksam gemacht hat – hier oben wachsen zahlreiche Pflanzen, zum Beispiel Mimosenakazien, Kiefern und Margariten und auch einige Endemiten wie das Lanzarote-Rutenkraut oder der Lanzarote-Natternkopf – lassen wir die Westküste hinter uns und beginnen den Abstieg durch den Barranco de Malpaso ins Tal der Tausend Plamen. Die Aussicht auf das weitläufige Tal ist herrlich, die Felder sind grün von Kartoffeln, Mais, Zwiebeln und vielem mehr. Der Abstieg ist nicht ganz einfach, denn durch den vielen Regen ist der Boden durchgeweicht und schlammig, man muss aufpassen, nicht auszurutschen. Plötzlich halte ich inne und kann´s kaum glauben: Ich höre plätscherndes Wasser! Ich schaue genauer hin und sehe doch tatsächlich ein kleines Rinnsal wie einen Miniatur-Wasserfall über die Steine fließen. Ein Wasserfall auf Lanzarote! Das Ganze wird noch getoppt, als ich fast auf eine Nacktschnecke trete. Diese Tiere lassen sich wirklich nur blicken, wenn es sehr viel regnet. Bei unserem sonst wüstenartigen Klima haben sie normalerweise keine Überlebenschance. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ vor mich hin summend wandere ich fröhlich weiter.
In dem kleinen Städtchen Haría angekommen, gibt Stephan uns eine halbe Stunde Pause, bevor es weitergeht in Richtung Ostküste. Wir wandern auf einem Schotterweg aus dem Ort hinaus bis wir an die Straße kommen, über die man sonst über die Serpentinen ins Tal kommt. Hier folgen wir kurz dem Abzweig nach Tabayesco und biegen dann an einer Markierung an der Böschung ab: Auf einem alten Handelspfad, der vor langer Zeit als Verbindung zwischen Arrieta und Haría diente, wandern wir über Wiesen, auf denen Gräser und wildes Getreide hüfthoch, teilweise brusthoch(!) wachsen, durch das weite Tal von Tabayesco. Unterwegs unterhalte ich mich sehr angeregt mit einer sehr sympathischen älteren Dame, die über eine beeindruckende Kondition verfügt: Frau Ibach und ich teilen die Begeisterung für die Fotografie und fachsimpeln über digitale Kameras und Motivauswahl.
Die verwilderten Wiesen gehen langsam über in landwirtschaftliche Nutzflächen. Waren in Haría schon viele Felder kultiviert, so sieht man hier erst recht, was Landwirtschaft auf Lanzarote ist: Die von schwarzem Picón bedeckten Felder sind terrassenartig angelegt und von Natursteinmauern eingerahmt. Es wächst und gedeiht alles, was man sich nur vorstellen kann. Dann kommen wir in das Dorf Tabayesco und von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Arrieta. Bevor wir zu den Autos zurückkehren und die auf dem Risco abgestellten abholen, kehren wir in der Strandbar ein und beschließen diese herrliche „Winterwanderung“ durch die explodierende Natur Lanzarotes.
Routenbeschreibung der Wanderung:
Diese Wanderung unternimmt man am besten mit zwei Pkws, einen stellt man in Arrieta ab, mit dem anderen fährt man hoch zum Mirador de Famara. Die Einfahrt zum Mirador findet man oben auf dem Famara-Massiv, kurz vor der Abfahrt ins Tal der Tausend Palmen, gegenüber des Ausflugslokals Los Helechos. Hier einbiegen, an der ersten Weggabelung rechts, dann geradeaus bis zum Grillplatz. Vom Aussichtspunkt orientiert man sich nach Nordosten, zunächst querfeldein bis man dann den Weg findet, der mitten im Barranco de Malpaso nach Haría hinab führt. Aus Haría hinaus am Ayuntamiento vorbei, entweder auf einem Weg oder auf der Straße, bis zum Abzweig nach Tabayesco. Hier einbiegen, kurz darauf an einem als Wegweiser aufgestellten Stock rechts auf den alten Handelspfad abbiegen. Der Pfad windet sich an den Hängen des Tals hinab bis zu einem Schotterweg, der dann ins Dorf Tabayesco führt. Von hier aus zurück nach Arrieta.