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Lokales
Zwischen Verzweiflung und Glück: Die fliegenden Hunde von Lanzarote

von Julian Ermert


Lanzarote, Fliegende Hunde, Tierschutz, WauWau Lanzarote, Angela Baumgartner, Anita Karar
Reisefertig: Ein Hund in der Flugbox.


Angela und Britta haben beide ein Herz für den Tierschutz.


Annegret


Susi


Karin


Gerettet: Angela Baumgartner mit zwei Labradorwelpen.


Anita Karar mit Flugpatin Jochheim.


Flugpate Peters mit Schützling.


(10/08 No.27) Sie gehören fast zum Alltag in Lanzarotes Städten und Dörfern: Herrenlose Hunde, die teils schwer verletzt, aber fast immer verstört über Felder und durch dreckige Hinterhöfe irren oder in verlassenen Hausruinen Schutz suchen. Die meist ängstlichen und abgemagerten Tiere fristen ein tristes Dasein und scheinen von der Welt vergessen. Viele von ihnen werden eingefangen und landen in so genannten „Perreras“, das sind spezielle Tötungsstationen, in denen der sichere Tod auf die vergessenen „Freunde des Menschen“ wartet.

 

Es ist kühl an diesem Morgen, die Sonne erhebt sich schwerfällig über den Horizont und lässt die bevorstehende Hitze des neuen Tages höchstens erahnen. Die Abflughalle des Flughafens Guacimeta auf Lanzarote ist fast menschenleer. Nur wenige Flieger verlassen in diesen frühen Morgenstunden den Flughafen. „Heute wird es schnell gehen mit der Abfertigung. Es ist kaum was los, weil Feiertag ist. An anderen Tagen geht das hier schon mal etwas hektischer zu", sondiert Angela Baumgartner mit einem schnellen Blick die Lage. Es ist wieder einer dieser Tage, an denen sich zwei einsame Hundeseelen auf den Weg nach Deutschland machen, wo hoffentlich ein besseres Leben auf sie wartet.

Baumgartner inspiziert die Hundeboxen, aus denen vier kleine braune Knopfaugen mit verstörtem Blick die fremden Menschen mustern, die um sie herum stehen. Alle entscheidenden Personen für den Transport der Vierbeiner sind, wie verabredet, an Ort und Stelle, um die erste Etappe des Tiertransports gemeinsam zu meistern: das Einchecken der Hunde.

Langsamen Schrittes bewegen sich die Flugpaten zusammen mit den Tierschützern auf den Check-In-Schalter zu, um die Hunde einzuchecken. Bereits nach wenigen Sekunden ist dieser Vorgang abgeschlossen und die Hundeboxen werden vom Zoll inspiziert und abgefertigt. Während Angela Baumgartner, mit einem leuchtend roten „Tierschützer"- Overall bekleidet, die Transportboxen mit Klebeband sichert, redet ihre Kollegin Anita Karar beruhigend auf die leicht nervösen Hunde ein. Unzählige Tiere haben diese beiden, die auf der ganzen Insel unter ihren Vornamen Anita und Angela bekannt sind, aus den Perreras gerettet und auf den Weg nach Deutschland geschickt. Und obwohl das für die beiden Routine ist, wurde auch dieses Mal alles akribisch vorbereitet, läuft reibungslos nach Plan ab: Sind alle notwendigen Papiere vorhanden? Sind die Boxen da? Wie geht es den Hunden?

Nach wenigen Minuten sind alle Formalitäten erledigt und die Hundeboxen rollen mit ihrer lebenden Fracht auf dem Fließband neben dem Check-In-Schalter für Sonderfrachtgut davon. Dieser Flug nach Münster wird ein Einschnitt in das noch junge Hundeleben sein. Gerührt und dankbar verabschieden sich Anita und Angela von Familie Jochheim und Familie Peters, die dieses Mal als Flugpaten für ihre Schützlinge fungieren und nun ebenfalls die Sicherheitsschleuse Richtung Flugzeug passieren.

Viele solcher Transporte konnten die beiden ehrenamtlichen Tierschützerinnen im letzten Jahr abwickeln. Insgesamt verließen im vergangenen Jahr circa 150 Welpen und 250 ausgewachsene Hunde die Insel Richtung Deutschland. Doch bis Tiere aus der Perrera sich in Transportboxen auf den Weg nach Deutschland machen können, ist es ein weiter und beschwerlicher Weg, der die engagierten Hundeliebhaberinnen nicht nur an die Abgründe eines Hundedaseins auf Lanzarote führt, sondern auch an die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit.

 

 

Von der Straße

in den Tod

Einigen liebenden Hundebesitzern in Deutschland, aber auch in Spanien, mag es unvorstellbar vorkommen, wie ein Mensch in der Lage sein kann, seinem Hund solches Leid zuzufügen. Oft werden unliebsam gewordene Hunde aus den banalsten Gründen im „Campo" ausgesetzt und sich selbst überlassen. „Viele Hundebesitzer auf der Insel sehen in einem Hund nicht den liebenswerten Gefährten, sondern vielmehr ein Nutztier, welches einen bestimmten Zweck zu erfüllen hat. Wenn dieser Zweck nicht mehr gegeben ist, werden die Hunde einfach sich selbst überlassen oder ausgesetzt", beschreibt Baumgartner die Ursache für die Vielzahl von herrenlosen Hunden auf Lanzarote. Einmal ausgesetzt, sind die Hunde auf sich alleine gestellt. Manche haben zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht nur die Verbannung durch ihr „Frauchen" oder „Herrchen" zu verkraften, sondern müssen zusätzlich traumatische Erlebnisse, wie Misshandlung oder Nahrungsentzug verarbeiten.

Fast nie sind die Tiere kastriert oder sterilisiert, sodass die Zahl der Hunde ohne festes zu Hause ständig steigt und in der Folge auch Welpen betroffen sind. Nicht alle Hunde haben das unwahrscheinliche Glück auf einen Menschen zu treffen, der sich ihrer erbarmt und ihnen ein neues Zuhause gibt. Ein Großteil von ihnen wird von den angestellten Hundefängern der Gemeinden gefangen und in die verschiedenen Tötungsstationen gebracht. Dort werden die Tiere, ob krank oder gesund, groß oder klein, Männchen oder Weibchen unter unwürdigsten Bedingungen zusammengepfercht. Nach einer Frist von 21 Tagen droht ihnen dann der sichere Tod durch die Spritze ins Herz. Eine medizinische Versorgung während dieser Wartefrist bekommen die Hunde nicht, will man doch kein Geld in todgeweihte Hunde investieren. So kommt es, dass Perreras einen zweifelhaften Ruf in der Bevölkerung genießen und Tierschützern wie Tierfreunden ein Dorn im Auge sind.

 

 

„Ich kann doch nicht

Gott spielen!"

Für Anita und Angela ist dieser Zustand völlig untragbar und so setzen sich beide bereits seit Jahren für die Rettung der todgeweihten Hunde von Lanzarote ein. Durch eine Absprache mit der Gemeindeverwaltung von Arrecife besteht die Möglichkeit Hunde aus der dortigen Perrera herauszuholen. Regelmäßig werden Anita und Angela von der Perrera-Leitung darüber auf dem Laufenden gehalten, welche Tiere kurz vor dem Einschläfern stehen. Bei ihren regelmäßigen Kontrollen in der Tötungsstation wählen die beiden dann Hunde aus, die ein besseres Leben in Deutschland bekommen sollen. Dies ist wohl der mit Abstand emotionalste Moment ihrer Arbeit und der Grad zwischen Mitleid und Ohnmacht angesichts der vielen Schicksale ist schmal. „Wenn wir in die Perrera kommen, müssen wir Gott spielen. Am liebsten würde man alle rausholen und ihnen helfen, dafür reichen jedoch unsere Kapazitäten und Mittel nicht aus", beschreibt Anita ihre Gefühle beim Betreten der Station. „Immer wieder sehen uns die Hunde mit ihren traurigen Augen an und in diesem Moment sagt man sich: Kein Hund hat ein solch unwürdiges Ende verdient."

Die ausgewählten Hunde werden noch vor Ort für einen Obolus von 21,50 Euro geimpft und anschließend zu einem Tierarzt gebracht und dort einem Gesundheitscheck unterzogen. Für alle entstehenden Kosten kommen Anita und Angela privat auf. „Zwischen siebzig und achtzig Euro kostet uns die Versorgung eines Hundes von der Perrera bis ins Flugzeug. Darin enthalten sind die Kosten für Tierarztbesuche, Futter, den Flug und das „Chippen", rechnet Anita, die Initiatorin des Projekts, vor.

Das so genannte „Chippen" ist mittlerweile meist Pflicht in Europa. Dabei wird den Hunden ein reiskorngroßer Chip unter die Haut gespritzt. Der auf ihm gespeicherte Nummerncode kann dann mit einem speziellen Lesegerät sichtbar gemacht werden. So kann man jeden Hund jederzeit identifizieren, weiß, wo er ursprünglich herkommt und kann einen möglichen Besitzer umgehend ermitteln.

Neben der medizinischen Versorgung der Hunde gilt es für die deutschen Tierschützerinnen auch einige bürokratische Hürden zu nehmen. „Unsere Hauptaufgabe ist es, den Transport der Hunde vorzubereiten, das heißt einen europäischen Hundepass zu beantragen und die Flüge der Flugpaten mit der Abholung durch Tierschutzorganisationen an den Flughäfen in Deutschland zu koordinieren", erklärt Anita die Vorgehensweise. Viele Arbeitsschritte müssen dabei zeitlich genau geplant und koordiniert werden. Würde es hierbei zu Unregelmäßigkeiten kommen, sodass freiwillige Flugpaten etwa am Zielflughafen ankommen und niemand wäre dort, um die Hunde sofort in Empfang zu nehmen, so wäre dies das Ende unseres gesamten Projekts. „Das ist uns aber noch niemals passiert und darf auch nicht passieren", so Angela, die weiß dass es schwer wäre, das Vertrauen der Flugpaten wieder zurückzugewinnen. „Seit 1996 kümmern wir uns um die Versorgung und organisieren den Transport der Tiere. Bisher hat immer alles reibungslos geklappt", so Angela stolz.

In der Zeit vor dem Abflug, das können ein paar Tage, manchmal aber auch ein paar Wochen sein, nehmen Angela und Anita die Hunde bei sich zu Hause auf oder mieten einen Platz für ihre Schützlinge in einer Hundepension. „Zwischenzeitlich kommt es schon mal vor, dass man vor lauter Hunden seine eigene Wohnung kaum mehr wieder erkennt", lacht Anita und Angela unterstreicht: „Tierschützer sein ist ein Fulltimejob. Man ist Tag und Nacht mit Hunden konfrontiert. Viele Dinge unseres Alltags drehen sich ausschließlich um die Tiere."

 

 

Der weite Weg

zum eigenen Hund

Um zu gewährleisten, dass es ihren Schützlingen in ihrem neuen Zuhause besser ergeht als auf der Insel, arbeiten die Hundefreundinnen nur mit Tierschutzorganisationen in Deutschland zusammen, die die Vermittlung der Hunde mit einem intensiven Auswahlverfahren verknüpfen.

Durch Gespräche und Hausbesuche versucht man sich ein Bild von den neuen Besitzern und den zukünftigen Lebensbedingungen der Tiere zu machen. Erst wenn dieser Eindruck positiv bewertet wird und die neuen Besitzer einen verbindlichen Vertrag unterschrieben haben, werden die Hunde von der Insel gegen eine Schutzgebühr weitervermittelt. Durch eine lückenlose Buchführung über die neue Heimat der Hunde kann Anita ihren Verbleib jederzeit nachweisen. Angela Baumgartner rechtfertigt diese Schritte so: „Wenn man die Schicksale und Vorgeschichten der lanzarotenischen Hunde kennt, will man sicher sein, dass ihnen so etwas nie mehr passieren wird." Die strenge Auswahl scheint ihre Früchte zu tragen. Viele Briefe aus Deutschland mit Bildern ihrer einstigen Schützlinge füllen Monat für Monat die Briefkästen der beiden Frauen. Stolze Hundebesitzer berichten darin über die Freude, die sie mit ihrem neuen Hund haben und welche positive Entwicklung die traumatisierten Tiere in ihrer neuen Heimat machen. „Diese Rückmeldungen bauen auf und helfen, mit dem grausamen Schicksal der anderen Hunde in den Perreras fertig zu werden."

 

 

Die Zukunft:

Träume und Visionen

Fragt man die beiden Frauen nach ihren Plänen und Wünschen für die Zukunft, so hoffen sie beide auf einen Sinneswandel in der lanzarotenischen Bevölkerung. „Das Verhältnis zu Tieren muss sich nachhaltig ändern. Hunde wollen geliebt und gepflegt werden. Oft genug wird dies jedoch vergessen. Richtig wäre es, die Bevölkerung in Informationszentren über artgerechte Hundehaltung zu informieren und Ängste abzubauen."

Doch diese Vision wird wohl zunächst Wunschdenken bleiben, denn zurzeit fehlen den beiden entschlossenen Tierschützerinnen die finanziellen und personellen Mittel. Jede Art von Unterstützung ist daher jederzeit willkommen, denn bereits kleine Dinge können die Arbeit der engagierten Frauen erheblich erleichtern. So werden derzeit dringend Flugpaten oder Hundesitter gesucht, denn häufig ist es so, dass die Hunde bereits einen neuen Besitzer in Deutschland haben, aber der Abtransport aus Lanzarote nicht schnell genug zustande kommt.

 

Eine Resolution

an die EU- Kommission

Leider ist der brutale Umgang mit Straßenhunden und Katzen nicht nur ein lanzarotenisches, sondern ein europaweites Problem. In vielen Ländern arbeiten bereits ehrenamtliche Helfer daran, die Situation zu verbessern, doch oft können sie nicht mehr bewirken, als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Um den Umgang mit den Tieren zu verbessern, will der Europäische Tier- und Naturschutzbund e.V. nun die EU zum Handeln auffordern. Mittels einer Resolution sollen die Vorstellungen der Tierschützer Europas an die EU-Kommission herangetragen werden, um den Tierschutz mehr in den Fokus des Interesses zu rücken. Mit ihrer Unterschrift können Sie diese Resolution unterstützen und damit maßgeblich zum Erfolg der Kampagne beitragen (Infos unter www.etn-ev.de).

„Vielleicht kann man auf diesem Wege dafür sorgen, dass das Leid der Tiere in Europa, aber auch hier auf der Insel endlich ein Ende nimmt. Und dann würden auch irgendwann die „fliegenden" Hunde Lanzarotes der Vergangenheit angehören", hofft Angela Baumgartner. Bis es soweit ist, können Sie diese beiden Frauen in ihrer Arbeit unterstützen. Retten Sie einen Hund und übernehmen Sie die Flugpatenschaft für seine Reise nach Deutschland: Sie haben weder Kosten noch Aufwand. Die Hunde werden hier auf Lanzarote von Angela und Anita eingecheckt und am Ankunftsflughafen von Tierschützern entgegen genommen. Wo die Tiere hoffentlich recht bald ein neues, glückliches Hundeleben in einer Familie finden.

 

So können Sie helfen:

Am besten Sie melden sich bei Angela Baumgartner unter der Nummer     (0034) 679 453 705      als Flugpate, damit retten Sie einen Hund direkt vor dem sicheren Tod.

Wenn Sie aus irgendeinem Grund nicht Flugpate sein können oder wollen, aber trotzdem helfen wollen, so können Sie auch Geld spenden. Zum Beispiel direkt auf das Spendenkonto des von Angela Baumgartner gegründeten Tierschutzvereins „WauWau Lanzarote", Kontonummer 2100 1510 3202 0039 4835 bei der Caixa Lanzarote. Wenn Sie aus dem Ausland überweisen möchten, so geben Sie bei Ihrer Bank Tierschutzverein „WauWau Lanzarote" an, den Swift-Code CAIXESBBXXX und die Kontonummer im IBAN-Format also ES07 2100 1510 3202 0039 4835 oder sie werfen einfach kurz vor Ihrem Abflug ein paar Münzen oder einen kleinen Schein in das Tierschutz-„Schweinderl" bei Britta am TUI Schalter am Flughafen.

Die Internetseite von WauWau Lanzarote finden Sie hier

http://www.wauwau-lanzarote.net



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